Hörgerät – nix da

Hört sie? Wenn ich zu erzählen beginne … Als Kind suchte ich den Schoß meiner Oma, um mich zu verstecken vor dem Alleinsein und forderte das gelesene Wort. Dann sah ich ihr zu wie ihre Augen über die Buchstaben wanderten, ihr Mund tanzte und färbte jedes Wort ein von dem Märchen, was sie mir schon gestern und vorgestern vorlas. Die Sätze „Oma, bitte noch mal.“ und „Aber du kennst es doch schon.“ wurden zum Spiel, wobei der Sieg darin bestand, in dem Genus der Stimme zu geraten.  

Die Lady, sie hört und doch versteht sie die Vokabel nicht. Sie hört, objektiviert festgestellt mit Elektroden und Kopfhöher gestern im Labor. Ein Hörgerät, das bleibt ihr erspart.Sie hört, wenn wir sie ansprechen und sie uns dabei ihr Gesicht zudreht. Wenn sie weint und wir in einer falschen Tonlage uns äußern und sich dann ihr Weinen zur Hyperventilation steigert. Doch verarbeitet sie es? Ein anderer Tag und jedes Wort, jedes Sausen unserer Stimme verliert sich nur im Raum, ohne bei ihr eine Regung auszulösen. Kein Zucken bei ihr, wenn eine Tür zu knallt.

CC BY-ND 4.0 Hörgerät – nix da von Intensivkind.pflegeminute ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-KeineBearbeitung 4.0 international.

Veröffentlicht von dirkstr

Er ist als "eingetragene" Pflegeperson beim Intensivkind tätig und begleitet Selbsthilfe-Webprojekte rund um das behinderte Kind. Vor Ort im Leben wirkt er mit bei Themen der Integration, Inklusion und der Kinderhospizarbeit. Beruflich arbeitet er als stellv. Pflegedienstleitung in der ambulanten Kinderkrankenpflege.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.